Schiller-Schüler*innen entwickeln Stolperstein-Audioguide für Sülz
(BUR/BEF) Wie kann Erinnerungskultur lebendig werden?
Wie lassen sich die Geschichten von Menschen, die während des Nationalsozialismus verfolgt, entrechtet und ermordet wurden, für Schüler*innen heute erfahrbar machen? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Schüler*innen unserer Schule in einem besonderen Projekt zur lokalen Erinnerungskultur.
Ausgangspunkt war die WDR-Stolpersteine-App, die Biografien hinter den Stolpersteinen sichtbar macht und damit einen digitalen Zugang zu den Erinnerungsorten im eigenen Stadtviertel eröffnet. In Zusammenarbeit mit dem WDR recherchierten Schüler*innen der Klasse 10B die Lebensgeschichten von Menschen, deren Stolpersteine in Sülz und damit in unmittelbarer Nähe unserer Schule liegen. Die Ergebnisse ihrer Recherche wurden in Form von Text Stories und Graphic Stories aufbereitet und sind inzwischen in der WDR-Stolpersteine-App veröffentlicht.
Doch dabei blieb es nicht. Aus der Arbeit mit der App entstand an unserer Schule ein eigenes, weiterführendes Projekt: ein 40-minütiger Audio-Guide, der künftig von anderen Klassen im Geschichtsunterricht genutzt werden kann. Für diesen Audioguide vertonten die Schüler*innen der 9D die recherchierten Biografien und ergänzten sie um grundlegende Informationen zu den Stolpersteinen, zum Künstler Gunter Demnig sowie zur Bedeutung und Diskussion dieses Erinnerungsprojekts. Dabei ging es nicht nur darum, historische Fakten wiederzugeben, sondern auch um die Frage, warum Erinnerung im öffentlichen Raum wichtig ist und weshalb Formen des Erinnerns zugleich immer wieder kontrovers diskutiert werden.
Entstanden ist so ein Rundgang, der für eine Doppelstunde im Geschichtsunterricht angelegt ist: Andere Klassen des Schiller-Gymnasiums können die Route zukünftig in Sülz abgehen, an den einzelnen Stolpersteinen Halt machen und sich über den Audio-Guide die jeweiligen Lebensgeschichten anhören. Teilweise werden die Biografien zusätzlich durch Graphic Stories ergänzt und sind ebenfalls in dem um Bildelemente erweiterten Guide sichtbar. Auf diese Weise verbindet das Projekt historische Recherche, kreative Gestaltung, digitale Medienarbeit und außerschulisches Lernen direkt im Stadtteil.
Besonders bedeutsam ist dabei der Gedanke „von Schüler*innen für Schüler*innen“. Die Jugendlichen haben nicht nur Inhalte erarbeitet, sondern ein Lernangebot geschaffen, das anderen Klassen dauerhaft zur Verfügung steht. Erinnerungskultur wird dadurch nicht abstrakt behandelt, sondern konkret erfahrbar: vor Haustüren, auf Gehwegen, in Straßen, die vielen Schüler*innen aus ihrem Alltag vertraut sind. Durch die selbstgesteuerte Projektarbeit konnten die Schüler*innen eigene Beiträge zur Erinnerungskultur gestalten. Die Geschichte des Nationalsozialismus erscheint somit nicht als fernes Thema aus dem Schulbuch, sondern als Teil der lokalen Umgebung.
Umso mehr freuen sich die beteiligten Schüler*innen darüber, dass ihre Arbeit auch über die Schule hinaus wahrgenommen und gewürdigt wird. Der Kölner Stadt-Anzeiger begleitete den ersten Rundgang des Projekts und berichtete über die besondere Form lokaler Erinnerungsarbeit.
(c) Fotos: WDR / Timo Grau