

Herr Schmitz, bis 2009 Oberstufenkoordinator des Schiller-Gymnasiums und Geschichtslehrer, sammelt
seit Jahren vielfältiges Material zum Schiller-Gymnasium.
Die ersten vier Teile einer Schulgeschichte sind im Februar 2010 durch den abschließenden Teil
ergänzt worden. Er umfasst die letzten vierzig Jahre der Schule (1970 - 2010). Ausschnitte
des ersten Teils finden Sie auf dieser Seite.
Die Texte stehen als pdf-Dateien zur Verfügung:

Die Gründung des Progymnasiums 1899
Auf dem hinteren Schulhof des heutigen Schiller-Gymnasiums lag - jahrelang vergessen, im Boden fast gänzlich versunken und von Gestrüpp völlig überwuchert, ein Stein mit dem Abbild einer Biene; es ist - neben der alten Schulfahne - der letzte Überrest aus dem kaiserzeitlichen Gebäude des alten Schiller-Gymnasiums in Köln-Ehrenfeld. Wir haben den Stein 1994 mit einem Geschichtskurs gehoben und ins Freie gerückt. Dass das heutige Schiller-Gymnasium mit der alten Schule mehr als nur den Namen und diesen Stein gemeinsam hat, wird in dieser kurzen Geschichte unserer Schule gezeigt. Die Anfänge dieser Schule werden von Richard Lewald, dem späteren Schulleiter, in einer älteren Festschrift anschaulich beschrieben:
"Bevor sich Ehrenfeld im Jahre 1845 zu vergrößern begann, befanden sich dort eine Menge Ziegeleien, die ihre Steine für den Festungsbau der preußischen Festung Köln und die Bauten in der Stadt selbst lieferten. Als Ehrenfeld "ausgeziegelt" war, gab dieses Gelände billiges Bauland ab, das bald Arbeiter, Handwerker und Gewerbetreibende anzog. Der Ort nahm erfolgreichen Anteil am industriellen Aufschwung des neunzehnten Jahrhunderts und hatte 1890 bereits 28.000 Einwohner (1846 noch 218). So nimmt es nicht wunder, dass dieser Vorort 1888 von der Stadt Köln eingemeindet wurde. Gewissermaßen als Lohn dafür beantragten die Bürger Ehrenfelds schon zwei Jahre nach der Eingemeindung beim Provinzialschulkollegium in Koblenz die Errichtung einer eigenen "gymnasialen Lehranstalt" (Gymnasium war damals die selbstverständliche Bezeichnung für das humanistische Gymnasium). Die Ehrenfelder wiesen dabei auf den kräftig auftretenden Mittelstand, die zahlreichen Fabriken und Bauten Ehrenfelds hin. Trotz der Entfernung besuchten 1890 immerhin 145 Ehrenfelder Kinder höhere Lehranstalten in Köln: 60 die Gymnasien, 37 das Realgymnasium, 22 die Oberrealschule und 26 die höhere Bürgerschule, die Vorläuferin der späteren Realschule.
Mit ihrem Antrag hatten sie sich aber ein ungünstiges Jahr ausgesucht. Seine Majestät, der junge Kaiser Wilhelm II., hatte nämlich eine Reichsschulkonferenz nach Berlin einberufen. Mit dem gleichen unbekümmerten Elan, mit dem er in diesem Jahre für die Entlassung Bismarcks gesorgt hatte, gedachte Seine Majestät auch in den schulischen Jahrhundertstreit zwischen Humanismus und Realismus einzugreifen. Gestützt auf die eigenen Schulerfahrungen in Kassel warf der junge Monarch den Gymnasien "Überbürdung der Schüler, Überproduktion von Gebildeten und Lebensfremdheit" vor. "Wir sollen nationale junge Deutsche erziehen und keine Griechen und Römer", so lautete das forsche pädagogische Programm Seiner Majestät für diese Konferenz. Das Provinzialschulkollegium in Koblenz verschanzte sich hinter den wichtigen Verhandlungen in Berlin, während die Stadt Köln den Fall "dringender Notwendigkeit" nicht anerkannte."
Kaiser Wilhelm II hatte 1890 in einer Rede Bedenken gegen die an der klassischen Antike orientierte humanistische Bildung formuliert: "Wer selber auf dem Gymnasium gewesen ist, der weiß, wo es da fehlt. Und da fehlt es vor allem an der nationalen Basis. Wir müssen als Grundlage für das Gymnasium das Deutsche nehmen; wir sollen nationale junge Deutsche erziehen und nicht junge Griechen und Römer!" Wilhelm steuerte den "Neuen Curs" nicht nur in der großen Politik, sondern auch gegenüber den Schulen; patriotisches Denken und Treue zur Monarchie sollten in den Vordergrund gerückt werden. Mit seinem "persönlichen Regiment" (Wilhelm II: "Meine Untertanen sollten einfach tun, was ich ihnen sage, aber meine Untertanen wollen immer selber denken, und daraus entstehen dann alle Schwierigkeiten.") leitete er die preußische Schulreform von 1892 mit durchaus vernünftigen Zielen in die Wege: Die überragende Stellung der alten Sprachen sollte gebrochen werden und man beabsichtigte, Schultypen, die auf praktische Berufe ausgerichtet waren, zu stärken.
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Am 24.2.1902 wurde schließlich offiziell der Ausbau zum Vollgymnasium bekannt gegeben. Als erster Schritt erfolgte die Einrichtung von zwei "Cöten" einer Obersekunda und darüber hinaus einer Vorschule in der Vogelsanger Str. 65. Drei Jahre später, am 8. und 9. Februar 1905, wurde das erste Abitur abgehalten und das Ergebnis der Reifeprüfung wurde durch Ministerialerlass vom 28. Februar 1905 bestätigt; gleichzeitig wurde das Progymnasium endgültig als Gymnasium anerkannt.
Das Schulgeld wurde damals auf 90 Mark für die Vorschule und auf 120 Mark für das Gymnasium festgelegt. Zum Vergleich: Ein Industriearbeiter verdiente um 1900 etwa 900 Mark im Jahr! Etwa 10% der Einnahmen durch das Schulgeld wurden für ganze oder halbe Freistellen als Stipendien verwendet. Schulgeld musste übrigens an Gymnasien bis in die zweite Hälfte der fünfziger Jahre hinein bezahlt werden. Der Besuch des Gymnasiums und einer Vorschule war ein Privileg; wer sich z.B. die Vorschule leisten konnte, brauchte nicht die "Volksschule" (für das einfache Volk) zu besuchen und konnte auch ein Jahr früher ins Gymnasium eintreten. Die Klientel der Schule lässt sich z.B. an den Elternberufen der Abiturienten der OIa 1913 ablesen: Landgerichtsrat, Vorschullehrer, Seminarlehrer, Fabrikant, Geheimer Justizrat, Stadtschulrat, Rechnungsrat, Pfarrer, Kaufmann, Rentner, Wirt, Landgerichtsrat, Redakteur usw.
Der Neubau

Die Schule besaß ein Kuratorium - ein Vorläufer der Schulpflegschaft -, das energisch für einen Neubau warb und ihn schließlich auch durchsetzen konnte. Zu diesem Kuratorium gehörten u.a.: "Herr Oberbürgermeister Becker, Herr Beigeordneter Jesse, Stadtverordneter Sanitätsrat Dr. Joesten, Stadtverordneter Herr Kommerzienrat Dr. jur. Neven-Dumont usw." Am 13.6.1903 wurde mit dem Bau eines neuen Gebäudes begonnen. Das zwischen Piusstraße und Barthelstraße 91 liegende neue Schulgebäude wurde schließlich am 26.4.1906 feierlich eingeweiht. Der Neubau kostete 800.000 Mark und war er sehr großzügig geplant; er ist offensichtlich Ausdruck des selbstbewussten Bürgertums der Jahrhundertwende und seines Bildungswillens. Ganz offensichtlich hatte man damals - besser als oft in jüngeren Zeiten - verstanden, dass Investitionen in Jugend und Bildung auch eine Entwicklung der Zukunft des Landes und der Stadt darstellen.


Die Wohnung des Direktors
Der Neubau integrierte ein Haus für den Direktor und den Hausmeister. Die Wohnung des Direktors umfasste im 1. Stockwerk die Küche mit Speisekammer, 3 Wohnzimmer, darüber im 2. Stock 4 Schlafzimmer und Bad, im Dach die Waschküche mit Plättstube, Mädchen- und Fremdenkammer; damals war der städtische Schulträger verpflichtet, dem Direktor eine Dienstwohnung zu stellen.
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Zurück ins Kaiserreich. Die Schüler erhielten damals 30 - 33 Wochenstunden Unterricht, wobei festzuhalten ist, dass bis 1911 eine Schulstunde 60 Minuten dauerte; nach jeder Stunde gab es 10 Minuten Pause, nach jeder zweiten Stunde eine längere Pause. So wurden in der Regel 4 Stunden am Vormittag und zwei am Nachmittag erteilt. Seit 1911 wurde in Preußen die heute noch übliche Unterrichtseinheit von 45 Minuten eingeführt.
Die Klassengrößen des Schiller-Gymnasiums waren in der Vorkriegszeit relativ konstant. Man begann in der Sexta mit knapp 50 Schülern, in der Tertia waren es meist um die 35 Schüler und die Reifeprüfung bestanden etwa 18 Schüler pro Klasse. In die dreiklassige Vorschule trat man durchschnittlich mit sieben Jahren ein; man begann in der Sexta mit etwa 10 ½ Jahren und machte das Abitur mit 19 ½ bis 20 Jahren. Das Schuljahr begann nach Ostern; es gab zwei Wochen Pfingstferien im Mai, etwa 5 1/2 Wochen Sommerferien von August bis September, zwei Wochen Weihnachtsferien und drei Wochen Osterferien nach der Versetzung. Die Schuljahre waren in drei „Tertiale” unterteilt, die an deren Ende es jeweils Zeugnisse gab. Das 1. Tertial dauerte vom Schuljahresbeginn bis zum Beginn der Herbstferien (1. Augusthälfte), das zweite vom Ende der Herbstferien (Mitte September) bis zum Beginn der Weihnachtsferien und das dritte vom Ende der Weihnachtsferien (7.- 9. Januar) bis zum Beginn der Osterferien. Die Versetzungen wurden zu Ostern durchgeführt, man konnte aber auch nach dem 1. Tertial noch nachversetzt werden. Die Abiturprüfungen fanden vor Ostern statt, es gab aber auch Nachprüfungen und erstmalige Prüfungen zum Herbsttermin nach dem ersten Tertial.
Eine schriftliche Abiturprüfung wurde in den Fächern Deutsch, Latein, Griechisch, Mathematik und Hebräisch durchgeführt. In der Oberprima wurden 1905 sieben Wochenstunden Latein erteilt, 6 Griechisch, 4 Mathematik, je 3 Deutsch und Geschichte, Hebräisch 2, Naturwissenschaften 2 usw. Diese Schwerpunktbildung wird auch durch die Gesamtzahl der Wochenstunden von Sexta bis Oberprima bestätigt: sie betrug für Geschichte 25, für Französisch 31, für Deutsch 43, für Griechisch 54 und für Latein stolze 115 Stunden! Hebräisch war ein „wahlfreies Fach”, also kein Pflichtfach. Eine Anmerkung zum später auftauchenden Problem des Antisemitismus muss gemacht werden; in den zugänglichen Schulakten ließen sich keine Hinweise auf antisemitische Verhaltensweisen finden. 1913 besuchten neben 484 Katholiken und 172 evangelischen Schülern 36 jüdische Schüler die Schule, für die jeweils entsprechende Gottesdienste ermöglicht wurden. Es musste sogar bei den schriftlichen Prüfungen „auf diejenigen jüdischen Schüler Rücksicht genommen werden, die während ihrer Schulzeit stets am Sonnabend sich des Schreibens zu enthalten haben”(Verfügung des Schulkollegiums 1913)

Abiturientia 1913